70% der Armen dieser Welt sagen, ein Job sei der beste Weg aus der Armut. Die in diesem Jahr gestartete Nachhaltige Entwicklungsagenda mit den 17 Nachhaltigen Entwicklungszielen trägt dieser Einschätzung Rechnung. Eines der neuen Entwicklungsziele zielt auf die Schaffung von Jobs ab. Bis 2030 soll das Ziel der weltweiten Vollbeschäftigung erreicht werden. Doch die Nachhaltige Entwicklungsagenda erkennt nicht, dass Arbeitsplätze DER entscheidende Schlüssel für nachhaltige, dauerhafte Armutsminderung sind. Die Schaffung von Jobs sollte im Zentrum der Entwicklungsbemühungen stehen. Denn Arbeitsplätze ermöglichen es Menschen, einen eigenständigen Weg aus der Armut zu bestreiten. Und nur durch die Schaffung von Arbeitsplätzen sind Entwicklungsfortschritte dauerhaft zu finanzieren.

Jobs als Garant individueller, gesellschaftlicher und politischer Nachhaltigkeit

Arbeitsplätze sind ein Garant für Nachhaltigkeit. Dies wird schon auf den ersten Blick ersichtlich: Jemand, der einen sicheren Job und ein ausreichend hohes Einkommen hat, ist dauerhaft und somit nachhaltig von materieller Armut befreit. Darüber hinaus erlaubt ein Arbeitsplatz und ein sicheres Einkommen individuelle Eigenständigkeit. Im Unterschied zu Arbeitslosen oder Unterbeschäftigten können Arbeiter und Angestellte ihr Mehr an Einkommen in ihre (Aus-)Bildung oder Gesundheitsleistungen investieren, sie können mehr Geld für eine gesündere Ernährung ausgeben oder für schlechte Zeiten sparen. Durch einen Job und ein eigenes Einkommen sind Menschen weniger von Familienangehörigen oder im Extremfall von staatlichen Leistungen bzw. Entwicklungshilfegeldern abhängig. Darüber hinaus fördert Beschäftigung „weiteres Lernen, soziale Netzwerke, Informationsgewinnung, gesellschaftliche Anerkennung, Selbstbestimmung, Partizipation und Identitätsbildung. Individuen mit Beschäftigung (egal ob abhängig oder selbstständig) sind seltener arm, sind produktiver, haben eine längere Lebenserwartung und können ihren Kindern eine bessere Zukunft bieten. Dies gilt besonders für Frauen – und im formellen Sektor“. Ein sicherer Arbeitsplatz und damit ein Einkommen ermöglicht Menschen eine Vielzahl von positiven Entwicklungen und ist ein nachhaltiger Weg aus der Armut.

Doch die Schaffung von Jobs führt auch zu Nachhaltigkeit auf gesellschaftlicher Ebene und kann politische Veränderungen herbeiführen. Arbeitsplätze steigern zum einen das Familieneinkommen, wodurch Wachstum zu breiten Bevölkerungsschichten „durchsickert“. In vielen afrikanischen Staaten mangelt es an einem solchen breitenwirksamen Wachstum. Gleichzeitig ist ein solches Wachstum Ziel vieler Entwicklungsprogramme, von denen die wenigsten allerdings die Schaffung von Arbeitsplätzen in den Mittelpunkt stellen. Darüber hinaus steigern Jobs auch die Einnahmen des Staates. Steigen die Beschäftigungszahlen im formellen Sektor, zahlen auch mehr Menschen Steuern. Diese Steuereinnahmen werden im Idealfall in das Gesundheits- und Bildungssystem investiert, was erneut breiten Bevölkerungsschichten zugutekommt. Die durch sichere Arbeitsplätze geschaffenen Steuereinnahmen sind zudem eine weitaus konstantere, planbare Einnahme des Staates als es Entwicklungshilfegelder sind. Somit wird durch diese Steuereinnahmen eine höhere Nachhaltigkeit erreicht als durch Entwicklungshilfe. Die sozialen Ziele der Nachhaltigen Entwicklungsagenda sind dabei nicht abzulehnen. Bildung und Gesundheit stellen einen Wert an sich dar. Nicht umsonst sind sie grundlegende Menschenrechte. Allerdings muss die Frage erlaubt sein, wie soziale Fortschritte nachhaltig, d.h. dauerhaft finanziert werden können. Die dauerhafte Abhängigkeit von Entwicklungshilfegeldern kann hier nicht die richtige Antwort sein, da sie zu Abhängigkeiten von externen Gebern führen und die Geber ihre Überweisungen mittelfristig einschränken könnten. Ein nachhaltiges, breitenwirksames Wirtschaftswachstum, die Schaffung von Jobs und damit einhergehend steigende Staatseinnahmen (durch Steuern) sind ein viel erstrebenswerterer, da nachhaltiger Weg zur Finanzierung sozialer Fortschritte.

Auch auf politischer Ebene kann die Schaffung von Arbeitsplätzen positive Folgen haben. Werden Menschen durch Jobs zu Steuerzahlern, dann werden einige von Ihnen den Staat rechenschaftspflichtig halten. Die Bürger werden also beobachten und darüber Auskunft verlangen, was mit ihren Steuergeldern geschieht. Während sich Regierungen vor ihren Bürgern nicht für die Verwendung von Entwicklungshilfe von außen rechtfertigen müssen, müssen sie sich sehr wohl rechtfertigen, wenn sie Steuereinnahmen und somit das Vermögen ihrer Bevölkerung verschwenden. Auch hier zeigt sich wiederum, warum Jobs und die damit einhergehende Steigerung des Steueraufkommens nachhaltiger wirken als es Entwicklungshilfe in vielen Fällen ist.

Zu guter Letzt geht mit sicheren und ausreichend bezahlte Arbeitsplätzen eine Erhöhung des Einkommens von Familien einher. Ein höheres Einkommen führt zu einer höheren Nachfrage, vor allem lokal produzierter Güter, wodurch die Wirtschaft wächst. Dieses Wachstum ist umso dauerhafter, d.h. nachhaltiger, je sicherer die Jobs und somit die Einkommen der Menschen sind. Sichere Arbeitsplätze können also als Motor für nachhaltige, dauerhafte Entwicklung angesehen werden. Und durch das Wirtschaftswachstum steigt auch wiederum das Steueraufkommen des Staates.

Jobs als Ziel – Unternehmertum als Mittel

Doch wer soll diese Arbeitsplätze schaffen? Und ist es überhaupt möglich, Jobs für die zig Millionen jungen Erwachsenen zu schaffen, die in den kommenden Jahrzehnten auf den afrikanischen Arbeitsmarkt kommen? Die Antwort lautet: Unternehmen sollen diese Arbeitsplätze schaffen! Und ja, es ist möglich. Die Erfolgsgeschichten Chinas, Südkoreas, Taiwans und Vietnams sind Beweis genug dafür, dass breitenwirksames Wachstum durch die Förderung von Unternehmertum und die Schaffung von Jobs möglich ist.

Fürsprecher der aktuellen Entwicklungspolitik werden einwenden, dass erfolgreiches Unternehmertum Bildung, Gesundheit und Infrastruktur erfordert. Und sie haben Recht! Ohne ausgebildete, gesunde Arbeitskräfte, ohne Zugang zu Straßen, ohne Kraftwerke und zuverlässige Stromnetze ist erfolgreiches unternehmerisches Handeln kaum möglich. Allerdings übersieht die derzeitige Entwicklungspolitik, dass diese Zutaten nicht ausreichen und unternehmerischer Erfolg weiterer Faktoren bedarf.

So hatten die Unternehmen in Südkorea, Taiwan, China und Vietnam einen Zugang zu Märkten. Sie konnten ihre Produkte aufgrund von geringen Löhnen konkurrenzlos günstig in andere Länder exportieren. Die genannten Länder, aber vor ihnen auch schon Deutschland und die USA, schotteten den einheimischen Markt zeitweise für ausländische Importe ab. In Kombination mit einem System aus staatlichen Anreizen, aber auch staatlicher Kontrolle und Sanktionen, entwickelten sich Unternehmen, die wiederum Jobs für zig Millionen Menschen schufen.

Unzureichendes Entwicklungsmodell

Das heutige Entwicklungsmodell, auf dem auch entwicklungspolitische Bemühungen zur Förderung von Unternehmen in „Entwicklungsländern“ fußen, übersieht jedoch die Wichtigkeit dieses Marktzugangs und anderer Zutaten für unternehmerischen Erfolg. Stattdessen beruht es auf der Annahme, dass es ein sogenanntes ausgeglichenes Spielfeld (level playing field) für Unternehmen jeglicher Größe, Herkunft und unternehmerischer Erfahrung bedarf, damit Arbeitsplätze geschaffen werden. Dieses ausgeglichene Spielfeld umfasst dabei jedoch nur externe Faktoren, d.h. Bildungs- und Sozialsysteme, den Zugang zu Krediten und Infrastruktur, gute Regierungsführung und geringe regulatorische Kosten (beispielsweise für Bau- oder Exportgenehmigungen). Unternehmensexterne Faktoren, beispielsweise unternehmerische Fähigkeiten und Erfahrungen, Innovationskraft und technisches Fachwissen sowie die Marktmacht von großen, internationalen Unternehmen werden ebenso ignoriert wie die geringen Marktchancen von kleineren Firmen. Den Grundannahmen dieses derzeit vorherrschenden Entwicklungsmodells folgend, hat eine kleine Software-Schmiede in Nigeria oder Ghana die gleichen Marktchancen wie es Microsoft als großes, etabliertes Software-Unternehmen hat. Das Modell verkennt dabei, dass Microsoft die kleineren Firmen durch ihre schiere Marktmacht vom Markt verdrängen können, bzw. das für die Kleinen nur Nischen übrig bleiben, in denen sie aber kaum ausreichend Jobs schaffen können. Kleine, weniger erfahrene Firmen können sich somit nicht am Markt halten und gar nicht erst die notwendigen Fähigkeiten erlernen, um mittelfristig konkurrenzfähig zu werden und gegen Microsoft bestehen zu können.

Alle erfolgreichen Länder, seien es China, Taiwan, Südkorea, aber auch Japan, die USA und Deutschland haben mehr als nur ein ausgeglichenes Spielfeld geschaffen. Sie haben ihre nationalen Unternehmen vor ausländischer Konkurrenz geschützt, bis sie wettbewerbsfähig waren. Diese staatlich geschaffenen Absatzchancen waren eine wichtige Zutat wirtschaftlicher Entwicklung und haben es Firmen ermöglicht, Arbeitsplätze zu schaffen und zum Steueraufkommen und somit den Staatseinnahmen beizutragen.

Nachhaltigkeit nur durch die Schaffung von Jobs zu erreichen

Wenn die Nachhaltige Entwicklungsagenda ihre Ziele erreichen will und wirklich nachhaltig, d.h. dauerhaft zur Armutsreduzierung in den Ländern des globalen Südens beitragen will, dann sollte sie die Schaffung von Jobs in den Mittelpunkt ihrer Anstrengungen stellen. Arbeitsplätze und sichere Einkommen ermöglichen den Menschen einen eigenständigen Weg aus der Armut. Zudem sorgen ein breitenwirksames Wachstum und das dafür notwendige Unternehmertum für ein erhöhtes Steueraufkommen, mit dem die afrikanischen Staaten ihren Teil zur Erreichung der Nachhaltigen Entwicklungsziele beitragen können. Dies ist mittel- bis langfristig der einzig mögliche Weg, um Entwicklungsfortschritte im Bildungs- und Gesundheitsbereich dauerhaft zu finanzieren. Ein Entwicklungsmodell, dass die „Entwicklungsländer“ nicht in die Lage versetzt, ihre Entwicklung mittelfristig selbst zu finanzieren, ist hingegen nicht als nachhaltig zu bezeichnen.

 

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