Vor fast drei Jahren starben über 1.100 Menschen bei einem Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch. Wie so häufig, betonte die internationale Gemeinschaft, dass sich eine solche Tragödie nicht wiederholen dürfe und dass es endlich zu Verbesserungen im Bereich der Menschenrechte und Gebäudesicherheit in der Textilindustrie kommen müsse. Auch der deutsche Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Gerd Müller, kündigte ein Siegel für den fairen Konsum an. Obwohl es in Bangladesch zu ein paar wenigen Verbesserungen im Brandschutz und bei der Gebäudesicherheit kam, besteht das grundlegende Problem der Textilindustrie fort: die Marktgesetze übertrumpfen noch immer viele Bemühungen zur Durchsetzung der Menschenrechte.

Der Einsturz der Rana Plaza-Fabrik in Bangladesch steht in einer langen Reihe von Fabrikeinstürzen, Bränden und ausbeuterischer Kinderarbeit. Solche Vorfälle beschränken sich nicht auf Bangladesch, sondern kommen regelmäßig in vielen großen textilproduzierenden Ländern Asiens vor. Nach dem bisher größten Unglück mit über 1.100 Toten wurden drei Initiativen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie Bangladeschs gestartet:

Die Ziele dieser Initiativen sind Verbesserungen in der Gebäudesicherheit und beim Brandschutz durch Fabrikinspektionen sowie die Stärkung der ArbeiterInnen durch Schulungen im Bereich Brandschutz. Die ILO-Bemühungen erstrecken sich zudem auf die Stärkung der Rechte von ArbeiterInnen. Obwohl die teilnehmenden Unternehmen 280 Millionen US-Dollar zur Erreichung dieser Ziele versprachen, wurde bisher wenig erreicht.

Gebäudesicherheit und Brandschutz

In den ersten zwei Jahren nach dem Einsturz der Fabrik in Rana Plaza wurden einige Dutzend (die ILO berichtet von 35) Fabriken geschlossen. Insgesamt fanden Inspektionen in der Hälfte aller Fabriken in Bangladesch statt. Die globale Gewerkschaft IndustriAll berichtet, dass einige Fabriken alle Mängel beseitigt haben. Eine Studie der New York University weist hingegen darauf hin, dass bisher in nur 8 der über 3,400 inspizierten Fabriken alle Mängel behoben wurden. In den anderen Fällen bestehen zumindest einige der Mängel fort, weil weder die Fabrikbesitzer, noch die westlichen Firmen für die Kosten der Beseitigung aufkommen wollen.

Zudem arbeiten hunderttausende ArbeiterInnen in Fabriken, die von den drei Bündnissen gar nicht erfasst werden, obwohl die Mitglieder der Bündnisse, d.h. westliche Firmen, Produkte von diesen Fabriken beziehen. Westliche (Marken-)Firmen vergeben Aufträge an Firmen in Bangladesch und anderen Ländern Asiens. Diese Firmen vergeben dann wiederum Teile dieser Aufträge an diese sogenannten informellen, nicht-registrierten Fabriken, die nicht inspiziert werden und zu noch geringeren Löhnen und in noch gefährlicheren Gebäuden produzieren. Diese lange und intransparente Lieferkette erschwert Kontrollen, erlaubt es den großen Modeketten jedoch, T-Shirts für 5 Euro anzubieten.

Löhne und Gewerkschaften

Auch im sozialen Bereich kam es erst zu wenigen Verbesserungen. Zwar hat die Regierung Bangladeschs den Mindestlohn im Textilsektor von 37 US-Dollar auf 68 US$ im Monat angehoben. Doch mehr als jede dritte Fabrik zahlt diesen Lohn noch nicht. Zudem wird bezweifelt, ob der Mindestlohn zum Leben reicht. So berichtet die Clean Cloth Campaign, dass zur Bestreitung des Existenzminimums ein vier- bis fünfmal so hoher Lohn notwendig wäre.

Ähnlich dürftig sehen die Fortschritte bei der Anzahl der gewerkschaftlich organisierten ArbeiterInnen aus. Gewerkschaften sind wichtig, damit die ArbeiterInnen ihren Chefs nicht mehr hilflos ausgeliefert sind. Der Rana Plaza-Fabrikeinsturz kündigte sich durch Risse im Beton schon Tage vorher an. Banken und andere Geschäfte verließen das Gebäude und auch viele ArbeiterInnen wollten es nicht mehr betreten. Da sie jedoch nicht gewerkschaftlich organisiert waren, zwangen die Vorarbeiter sie, zur Arbeit zu erscheinen – ein Vorgehen, dass zu hunderten Toten führte. Seit dem Rana Plaza Einsturz hat sich die Zahl der gewerkschaftlich organisierten ArbeiterInnen zwar verdoppelt, aber lediglich von 2,5% auf 5% aller ArbeiterInnen. Human Rights Watch berichtet zudem darüber, dass es wiederholt zu Entlassungen und Gewalt gegen Gewerkschaftsmitglieder kommt. ArbeiterInnen, die sich einer Gewerkschaft anschließen wollen, werden von bezahlten Schlägern bedroht und gar bis nach Hause verfolgt.

Auch internationale Handelspartner betonen, dass Bangladesch zu wenig Fortschritte bei Arbeitsrechten in der Textilindustrie gemacht hat. So hoben die USA nach dem Rana Plaza-Desaster Handelsvorteile für Bangladesch auf. Die USA verweigern ein Ende der Sanktionen mit dem Hinweis, die bisherigen Fortschritte in der Textilindustrie Bangladeschs seien nicht ausreichend und der Staat müsse mehr unternehmen.

Große Ankündigungen, wenig Taten

Wie schon bei vorherigen Katastrophen in der Textilindustrie hat sich auch nach dem Rana Plaza-Desaster wenig getan. Großen Ankündigungen und Initiativen folgten nur geringe Bemühungen. In Teil 2 dieser Analyse werde ich aufzeigen, wie starke Industrieinteressen, die wirtschaftliche Konkurrenz zwischen Staaten sowie Verbindungen zwischen Politikern und Unternehmen größere menschenrechtliche Fortschritte in der Textilindustrie Bangladeshs verhindern und warum auch Fair Trade Siegel keine endgültige Lösung der vielfältigen Probleme versprechen.

 

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