Was passiert, wenn sich der Autor der genialen Science-Fiction Komödie „Per Anhalter durch die Galaxis“ und ein Vogel-verrückter Zoologe namens Mark auf die Suche nach den letzten ihrer Art begeben? Es entsteht eines der lustigsten und zugleich auch traurigsten Bücher, die man sich und die ich euch vorstellen kann.

Rasierwasser und Taubstumme in Diskos

„Drehst du jetzt völlig durch?“ fragte mich Mark, als ich die sechste Flasche Rasierwasser in mein Handgepäck gleiten ließ.

„Ich versuche, die festverankerten Grundvoraussetzungen, auf denen mein rational konstruiertes Verhalten fußt, in Frage zu stellen und zu untergraben.“

„Soll das „ja“ heißen?“

Mit diesem Dialog startet die Suche nach dem vom Aussterben bedrohten Jangtse Flussdelfin in China. Der Kauf der kompletten Duty-free Kollektion Rasierwasser auf dem Hinflug nach China – ist das ein Versuch, sich an die für europäische Augen vollkommen fremde und unzugängliche Welt Chinas anzupassen? Adams scheitert mit dieser Anpassung grandios. Doch so wenig er sich in die chinesischen Mit-“Affen“ – Adams Begriff für uns Menschen – hineinversetzen kann, so gut gelingt ihm dies für die Lebenswelt der Delfine im wohl lautesten Fluss der Welt: dem Yangtse in China. Diese Lebensader des bevölkerungsreichsten Landes der Welt besteht kaum noch aus Wasser, sondern vielmehr aus Industriegiften und Abfällen. Der Fluss wird täglich von tausenden lauten und dreckigen Schiffen befahren. Adams beschreibt die Unterwasser-Welt, in der die Yangtse-Delfine zu überleben versuchen, mit folgendem Bild: „Was tut man, wenn man halb blind oder halb taub ist, in einer Disco mit Stroboskop-Light-Show lebt, in der die Abwasserrohre überquellen, einem ständig die Decke und die Ventilatoren auf den Kopf fallen und das Essen schlecht ist?“ Man beschwert sich bei der Geschäftsleitung? Mark holt ihn in die Realität zurück: „Sie müssen warten, bis die Geschäftsleitung es selbst merkt“.

Der Kakapo – ein flugunfähiger, aus Bäumen fallender Vogel

In Neuseeland machen sich Adams und seine Crew auf die Suche nach dem Kakapo. Einem Vogel, der Jahrtausende lang in einer Umgebung ohne natürliche Feinde lebte und deswegen seine Flugfähigkeit verlor. Mit der Ankunft des Menschen und der auf Schiffen mitreisenden Katzen, Ratten und anderer Räuber, wurde den Kakapos diese Flugunfähigkeit jedoch oft zum Verhängnis. Unfähig, sich in die Lüfte zu schwingen, wurde er eine leichte Beute für die neuen Räuber.

Um die Kakapos vor dem Aussterben zu retten, wurden die weltweit letzten 40 nach und nach auf eine abgelegene Insel ohne natürliche Feinde gebracht. Sie sind nachtaktiv und dementsprechend äußerst schwierig aufzuspüren. Den früh-morgendlichen Marsch in den Dschungel zum Aufspüren der letzten Kakapos beschreibt Adams wie folgt: „Mark begann sofort, mir irrsinnig seltene Vögel zu zeigen, und ich sagte ihm, er solle das gefälligst einer Parkuhr erzählen. (…) Nach einiger Zeit musste ich mir eingestehen, dass der Wald so übel nicht war. (…) Er hatte eine funkelnde Klasse, die auch auch unter meinen finstersten Blicken nicht weichen wollte. (…) Da jetzt die frühe Morgensonne durch die Bäume zu schimmern begann und dort, wo sie auf den Blättern zierliche Perlenketten aus Tautropfen zum Glitzern brachte, jede Menge zerbrechliche Schönheit hervorzauberte, kam ich zu dem Schluss, dass unser morgendlicher Ausflug nicht nur schlechte Seiten hatte. Um mich herum, war ein solches Glitzern und Glimmen und Gleißen und Glänzen, dass ich darüber nachzudenken begann, weshalb so viele Wörter, die das beschreiben, was die Sonne am Morgen bewirkt, mit „Gl“ beginnen, und dies dann auch Mark wissen ließ, der mir sagte, ich solle das gefälligst einer Parkuhr erzählen“.

Deutsche Letten und englische Australier

Doch Adams bleibt nicht bei der Beschreibung von vom Aussterben bedrohten Tieren und des morgendlichen Lichts stehen. Er beschreibt auch die Eigenarten einer ganz speziellen Spezies namens Mensch. Deren deutsche Unterart, Helmut und Kurt, trifft Adams in der DR Kongo, während er eigentlich Ausschau nach den letzten Gorillas hält:

„Helmut und Kurt waren jung, blond, tatkräftig, unglaublich gut ausgerüstet und uns in so gut wie jeder Hinsicht weit überlegen. (…). Sie kündigten an, sie gingen jetzt schlafen, allerdings nicht etwa in der Hütte, sondern in einem mitgebrachten Zelt, das wesentlich besser sei. Es war ein deutsches Zelt.“

„Wären Helmut und Kurt Brasilianer oder Letten gewesen, hätten sie sich genauso benehmen können, und es wäre überraschend und faszinierend gewesen. Schriftsteller sollten nicht am Aufrechterhalten von Klischees mitwirken. Ich fragte mich, was ich dagegen unternehmen sollte, kam zu dem Schluss, dass sie einfach Letten sein konnten, wenn ich es wollte, und ging anschließend dazu über, mir Sorgen wegen meiner Stiefel zu machen.“ (…).

Am nächsten Tag werden Adams und seine Crew mitten im Dschungel von den Gorillas gefunden. Einen Ehrfurcht einflößender Moment, den Adams wie folgt beschreibt: „Helmut wollte etwas sagen, vermutlich dass sie in Lettland Gorillas hätten, die diesen weit überlegen seien, aber ich unterbrach ihn, weil ich plötzlich den merkwürdigen, unbehaglichen Eindruck hatte, von einem Laster angestarrt zu werden“.

„Als reiche, erfolgreiche Angehörige der Familie“ der großen Menschenaffen, geht es uns Menschen äußerst gut. Doch anstatt uns „in jeder Hinsicht um die anderen, weniger gut weggekommenen Familienmitglieder zu kümmern“, wie es Adams vorschlägt, haben wir den Lebensraum der Gorillas, unserer Cousins x-ten Grades, so sehr vernichtet, dass es nur noch wenige hundert von ihnen gibt. Und anstatt inne zu halten und unseren grenzenlosen Konsum und unseren Bali-Urlaub zu überdenken, versuchen wir, Affen eine Sprache beizubringen. „Unsere Sprache. Wozu? Es gibt doch genügend Mitglieder unserer eigenen Spezies, die in und mit dem Wald leben und diese Sprache [der Natur] kennen und verstehen. Denen hören wir doch auch nicht zu. Wie kommen wir also darauf, dass wir uns ausgerechnet das anhören würden, was uns ein Affe zu sagen hätte?“. Es sind diese einfachen, oft als Nebensätze eingestreuten Gedanken, die das Buch zu etwas Besonderem machen.

Und zu australischen Touristen auf Bali „mit ihren Bierdosen und ihren „Fuck Off“ T-Shirts“, die ihn an grölende Engländer in Spanien oder Griechenland erinnern, schreibt Adams den ungewohnt ernsten Satz: „Einander exakt entsprechende Verhaltensmuster haben sich vollkommen unabhängig voneinander auf beiden Hälften der Erdkugel entwickelt. In den Souvenirläden in Spanien, Griechenland oder auf Hawaii lassen sich die Einheimischen gegen Bezahlung fröhlich beleidigen oder ausnutzen, um das eingenommene Geld dann zum intensiveren Raubbau an ihrem Lebensraum zwecks Anziehung größerer Scharen geldbeladener Räuber auszugeben“. Dass „Bali in einen Original-Bali-Park verwandelt wird, wobei man die Insel nach und nach zerstört, um einen billigen künstlichen Abklatsch“ des früheren Bali zu schaffen, streift Adams nur am Rande.

Das große Artensterben

Neben all seinen humorvollen Passagen wartet das Buch auch mit nachdenklichen Sätzen auf. So verweisen Adams und Mark auf die Beschleunigung des Aussterbens der Arten. Während über Millionen von Jahren durchschnittlich eine Art pro Jahrhundert ausstarb, starben in den letzten 300 Jahren die meisten Arten. Und „die meisten der Arten, die in den letzten dreihundert Jahren ausgestorben sind, starben in den letzten fünfzig Jahren. Und die meisten der in den letzten fünfzig Jahren verschwundenen Arten starben wiederum in den letzten 10 Jahren. (…) Wir vernichten heutzutage jährlich mehr als tausend verschiedene Tier- und Pflanzenarten“.

Und dabei sind nicht nur (scheinbar kuriose) Arten wie der Kakapo vom Aussterben bedroht, sondern auch so bekannte wie der Elefant und das Nashorn. Sie werden jährlich zu zig Tausenden für ihre Elfenbein und Horn gejagt und getötet.

Warum ist dieses Artensterben so schlimm? Weil jedes Tier Bestandteil eines empfindlichen Gleichgewichts ist. Verschwinden ein paar Arten, könnten viele andere Arten folgen. „Darüber hinaus ist die Erhaltung von Arten unerlässlich für unser eigenes Überleben“, fügt Mark hinzu. „Tiere und Pflanzen versorgen uns mit lebensrettenden Arznei- und Nahrungsmitteln, sie gewähren erfolgreiche Ernten.“ Und selbst, wenn wir diese vermeintlich intellektuellen Gründe außen vor lassen: Ohne die vielen vom Aussterben bedrohten Arten wäre „die Welt ärmer, dunkler und einsamer“.

Zum Thema Artensterben erschien im Januar folgender Artikel auf zebralogs:

Kurz vor dem Aussterben? – Elfenbein-Handel kostet 35.000 Elefantenleben pro Jahr

 

Und hier geht es zum Buch „Die letzten ihrer Art“: Bei Random House oder in der kleinen Buchhandlung um die Ecke.

 

Hier gibt es eine Bilderserie zu den besuchten Tieren und was seit Erscheinen des Buchs aus ihnen geworden ist: Geo Artikel.

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