Lügenpresse, Lügenpresse! So schallt es jeden Montag durch Dresden und andere Großstädte. Und so schallt es noch viel lauter durch Online-Diskussionsforen und Facebook-Gruppen. Dabei vertreten nicht nur viele PEGIDA-DemonstrantInnen und AfD-WählerInnen die Meinung, „die Medien“ seien gleichgeschaltet und würden nur Lügen verbreiten. Auch TTIP-Gegner ziehen sich immer häufiger auf die Position zurück, dass „die Medien“ uns VerbraucherInnen doch eh nur täuschen und Lügen verbreiten würden. Das „Systemmedien-Argument“ wird in vielen Diskussionen mittlerweile als Totschlagargument benutzt, um andere Ansichten und Meinungen zu verunglimpfen. Die Diskussionskultur wird vergiftet und die Meinungsfreiheit eingeschränkt. Es besteht die Gefahr, dass Populisten und Extremisten die stumpfe Ablehnung jeglichen vermeintlichen „Mainstreams“ für ihre Zwecke missbrauchen. Das Systemmedien-Narrativ und die damit zusammenhängende Lagerbildung und Ablehnung jeglichen „Mainstreams“ stellt einen idealen Nährboden dar, auf dem Populisten und Extremisten ihre ebenfalls übertrieben vereinfachten „Welterklärungen“ verbreiten und neue Anhängerschichten gewinnen können.

Fadenscheinige Argumente hinter dem Systemmedien-Argument

In immer mehr Diskussionen, sei es über TTIP, über Flüchtlinge und Flüchtlingsunterkünfte, über Russland und die USA, behaupten immer mehr Menschen, „die Medien“ seien gleichgeschaltet oder würden gar von einem verborgenen System gesteuert. Auftrag der Medien sei es, eine „höhere Wahrheit“ zu verschleiern. Beliebte Narrative sind, dass „die Medien“ USA-hörig seien und zu negativ über Russland berichteten. Dass „die Flüchtlinge“ zu weiten Teilen kriminell seien und „die Medien“ dieses Thema verschweigten.

Solche Behauptungen werden mit dem „Argument“ „erklärt“, „die JournalistInnen“ ständen (amerikanischen) Thinktanks nahe und seien generell sehr eng mit der Politik verbandelt. Diese Nähe zu Thinktanks und der Politik führe zu einer Gleichschaltung „der JournalistInnen“. Eine weitere beliebte Erklärung ist, dass hinter den vermeintlichen „Systemmedien“ wenige große Unternehmen stünden. Große Unternehmen, die darauf bedacht seien, sich mit der Politik gut zu stellen und kein Interesse daran hätten, „die Wahrheit“ aufzudecken.

Die Steuerung durch Thinktanks und die Gleichschaltung der Medien ist dabei kaum zu beweisen. Und so führen die Systemmedien-Kritiker auch nur vereinzelte Indizien an, beispielsweise wenige Namen von JournalistInnen, die wirklich in Thinktanks ausgebildet wurden oder ein paar Zeitungen, die über einen kurzen Zeitraum nicht ausreichend über ein Thema berichtet hätten. Solche Einzelfälle werden dann aufgebauscht und verallgemeinert. Und in ihrer Argumentation vergessen die Systemmedien-Kritiker, darzustellen, wie eine solch große Verschwörung überhaupt aufrechterhalten werden kann. In deutschen Redaktionen arbeiten tausende JournalistInnen, die entweder alle Stillschweigen müssten oder die alle zu dumm sein müssten, zu merken, dass sie von irgendwelchen höheren Mächten gelenkt werden. Auch müssten alle zigtausenden Artikel, Kommentare und Fernsehbeiträge von ChefredakteurInnen auf eine Systemmeinung getrimmt werden. Ein logistisches Vorhaben, welches kaum umzusetzen ist. Doch die Systemmedien-Behauptung ist nicht nur nicht zu beweisen, sie enthält auch eine Menge Sprengstoff für die Diskussionskultur und letztendlich die Demokratie in Deutschland.

„Systemmedien!“ – als Totschlagargument

Denn sowohl die PEGIDA-DemonstrantInnen, als auch viele KommentatorInnen in Internetforen oder auf Blogs benutzen die Systemmedien-Behauptung als Totschlagargument. Indem sie andere Meinungen als Systemmedien-hörig, und somit unmündig und obrigkeitshörig abtun, müssen sich PEGIDA-DemonstrantInnen und InternetkommentatorInnen gar nicht mehr mit der Meinung und den Argumenten des Gegenübers auseinandersetzen. Es geht nur noch um die Diskreditierung anderer Ansichten. Wenn jemand die vermeintliche „System- und Mainstream-Meinung“ vertritt, dann wird seine Meinung sofort abgelehnt. Und zwar eben nicht auf Basis von Fakten oder Argumenten. Sondern vielmehr, weil:

  1. Argumente und Ansichten, die in den vermeintlichen „Systemmedien“ vorkommen, grundsätzlich falsch seien,
  2. die PEGIDA-DemonstrantInnen und InternetkommentatorInnen sich für überlegen und klüger halten, da sie ja das System hinter „den Medien“ durchschauen, und
  3. der Gegenüber, der Andersdenkende, der das vermeintliche System nicht durchschaut, naiv, unmündig und dumm sei, eben weil er / sie das System nicht durchschaut. Und weil er / sie noch nicht einmal das vermeintlich Offensichtliche, die angebliche Steuerung der Medien, durchschaut, können seine / ihre Argumente zur Sache ja auch nur falsch und naiv sein.

Durch diese Denkweise müssen sich die Systemmedien-Kritiker also gar nicht mehr mit anderen Meinungen beschäftigen. Ganz im Gegenteil: Sie erteilen sich die Lizenz, andere Auffassungen zu verdammen und Diskussionen von vornherein abzuwürgen. Das Interesse am Gegenüber, an seiner Meinung, an den Argumenten und der Lebenserfahrung auf der eine Meinung aufbaut, geht somit komplett verloren. Stattdessen entsteht ein abgeschlossenes Weltbild. Die Welt wird dabei bei jedem Thema in zwei Lager aufgeteilt. Jene, die das System zu durchschauen behaupten und jene, die „naiv“ und „dümmlich“ den „Systemmedien“ nachplappern würden. Somit lassen sich die Systemmedien-Kritiker auch mit keinem Argument überzeugen. Denn jedes Gegenargument muss ihrer Denkweise folgend zwangsläufig falsch sein, da es aus Systemmedien stammt oder von diesen vertreten wird.

Das Systemmedien-Argument als Mittel zur Einschränkung der Meinungsfreiheit

Die Schaffung eines abgeschlossenen Weltbildes und die Einteilung der Welt in zwei Lager geht mit einer starken Wir-gegen-Die-Denkweise einher. Diejenigen, die das vermeintliche System hinter den Medien zu durchschauen meinen, fühlen sich dadurch als ausgewählte, zusammengehörige Gruppe. Es entsteht zwangsläufig ein starkes Gruppen- und Zugehörigkeitsgefühl. Ein Gefühl, welches durch den Glauben verstärkt wird, man selbst sei anderen intellektuell überlegen, da man die einzige Wahrheit entdeckt und erkannt habe.

In einer so komplexen Zeit wie der unsrigen, in der jedes Problem dutzende, oft miteinander verwobene Ursachen hat, wird dieser Glaube an eine einfache Wahrheit umso attraktiver und gibt Halt und Gewissheit. Man kann sogar soweit gehen und sagen, dass das Systemmedien-“Argument“ nützlich ist, um sich nicht mehr mit der Komplexität der Welt auseinandersetzen zu müssen. Stattdessen wird „den Medien“ vorgeworfen, Lügen zu verbreiten und „die einzige Wahrheit“ zu verschleiern. Eine oftmals die Realität verzerrende „Wahrheit“, derzufolge „die Flüchtlinge“ Deutschland nur Geld kosten würden, derzufolge „die USA“ schuld an jedem Konflikt seien oder derzufolge „die da oben“ eh nur die Interessen „der Eliten“ vertreten würden. Das Systemmedien-Argument dient dabei als ideale Ausrede, um auf stark verzerrende und vereinfachende Weise, Sündenböcke („die Flüchtlinge“, „die USA“) für die komplexen Probleme und Herausforderungen unserer Zeit zu finden und die eigene Anschauung als Wahrheit darstellen zu können.

Das Systemmedien-“Argument“ ist dabei auch äußerst gefährlich. Wenn immer mehr Menschen dazu bereit sind, jede abweichende Meinung als „Lüge der Systemmedien“ zu bezeichnen, dann ist es nicht mehr weit, bis radikale politische Kräfte ihre Saat auf diesem Nährboden ausbringen, indem sie auf diesem Grundmisstrauen aufbauen und ihre Anti-Mainstream-Meinungen als einzige Wahrheit verkaufen. Dass sich in der Masse der Systemmedien-Kritiker schon heute Menschen verstecken, die „Judenpresse“ grölen und Journalisten attackieren, sollte Warnzeichen genug sein.

Wenn nicht mehr miteinander geredet wird, bzw. die Aussagen des Gegenüber als Mainstream-Meinung oder „Lügen der Presse“ diskreditiert werden, dann schadet das der Demokratie und der Diskussionskultur in Deutschland. Und durch ein solches Vorgehen betreiben die Systemmedien-Kritiker genau das, was sie den vermeintlich „gleichgeschalteten Medien“ vorwerfen: Sie schränken die in der Öffentlichkeit als legitim betrachteten Meinungen ein.

Medienkritik ja, aber bitte differenziert

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Kritik an einigen Medien ist angebracht. Gerade in Zeiten, in denen in den Redaktionen gespart wird und der investigative Journalismus leidet, gerade in Zeiten, in denen es oft nur noch darum geht, schnell eine Nachricht „rauszuhauen“ oder Klicks zu generieren, ist Medienkritik notwendig! Und auch dieser Blog beruht auf der Medienkritik, dass viele Redaktionen nur einen Korrespondenten für 54 afrikanische Länder abstellen. Dadurch kommt es zu einem einseitigen Afrika-Bild und Vorurteile und Klischees werden verstetigt.

Und dennoch: Alle traditionellen Medien über einen Kamm zu scheren und Andersdenkenden vorzuwerfen, sie seien Systemmedien-hörig und „plappern“ der „Lügenpresse“ nach, ist keine konstruktive Kritik, sondern nur ein einfacher Ausweg, um sich nicht mit den Argumenten des Gegenüber auseinandersetzen zu müssen.

Eine Diskussion über die Medien muss sachlich verlaufen und darf nicht verallgemeinern. Sie muss auf Fakten und Argumenten beruhen. Beruht sie stattdessen nur auf dem Glauben und der puren Überzeugung daran, dass „die Medien“ lügen und gelenkt sind, so führt sie nur in die gleiche Richtung, die sie den Medien vorwerfen. Nämlich in die Herabstufung anderer Meinungen, die Meinungseinschränkung und Denkverbote.

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