Zur Überwindung der Armut gibt es viele Konzepte und Strategien. Selten jedoch werden die gegensätzlichen Positionen von afrikanischen und westlichen Akteuren der Entwicklungszusammenarbeit so deutlich wie auf einer vor kurzem stattgefundenen Podiumsdiskussion in Berlin – organisiert von AfricAvenir.

Was ist Nachhaltigkeit? Und werden die neuen globalen Entwicklungsziele wirklich zu nachhaltiger Entwicklung führen? Diese Fragen stellte Mariam Sow am letzten Montag auf einer Podiumsdiskussion in Berlin. Die Umwelt- und Entwicklungsaktivistin aus dem Senegal gab sofort eine Antwort:

„Die Ausbeutung von Bodenschätzen, land grabbing und landwirtschaftliche Monokulturen können mit „nachhaltige Entwicklung“ nicht gemeint sein. Diese Wirtschaftspraktiken sind weder ökologisch noch wirtschaftlich nachhaltig. Sie schaffen zu wenig Arbeitsplätze und Steuereinnahmen. Stattdessen führen sie zu Umweltverschmutzung und zur Zerstörung natürlicher Ressourcen wie beispielsweise der Humusschicht.“

Laut Frau Sow sind Monokulturen, der Bergbau und das land grabbing – Aktivitäten, die in fast allen Ländern Afrikas anzufinden sind – ein Bestandteil eines größeren, organisierten Wirtschaftssystems. Man könne erst von Nachhaltigkeit sprechen, wenn dieses System verändert würde. In den Sustainable Development Goals sei von einer solchen Veränderung allerdings nicht die Rede.

Sow zufolge brauche es „ein Entwicklungsmodell, welches den Wirklichkeiten und der wirtschaftlichen Realität vor Ort entspricht, statt blumiger Zukunftsversprechungen.“

Wahre Nachhaltigkeit und eine dauerhafte Entwicklung könne es nur geben, wenn afrikanische Produzenten ihre Güter weiterverarbeiten. Wenn sie aus Kakao Schokolade herstellen. Wenn sie also Güter produzieren, die sich zu einem höheren Preis verkaufen lassen und deren Herstellung Arbeitsplätze schafft. Frau Sow zufolge, müssten afrikanische Staaten sich übergangsweise vom Weltmark abkoppeln, um zu lernen, mit den subventionierten Produkten des Westens zu konkurrieren. Um ein solches auf den eigenen Potenzialen basierendes Entwicklungsmodell umzusetzen, bedarf es ihr zufolge jedoch auch an Unterstützung aus dem globalen Norden.

Der Politologe Aziz Salmone Fall pflichtet ihr bei. Afrikanische Staaten erhalten nur 2-7% der Einnahmen aus dem Bergbau. Fall stellt die Frage wie die Staaten mit so geringen Einnahmen Entwicklung finanzieren, Schulen und Krankenhäuser bauen sollen. Afrikanische Staaten blieben dadurch abhängig von externen Entwicklungshilfegeldern. Dies könne gravierende Folgen haben. Derzeit werden private Unternehmen ermutigt, sich an der Umsetzung der Sustainable Development Goals zu beteiligen. Dies könne dazu führen, dass öffentliche Güter, beispielsweise die Wasserversorgung, privatisiert werden. Unternehmen würden nur dort Wasserleitungen verlegen oder instand halten, wo die Menschen auch dafür zahlen können. Eine solche Privatisierung würde also kaum zur Versorgung aller mit Trinkwasser sorgen. Ebenso bestünde die Gefahr, dass Unternehmen lieber teures Flaschenwasser verkaufen werden, statt in Leitungen für relativ günstiges Trinkwasser zu investieren.

Helge Swars vom Weltfriedensdienst erkannte die Problematik ebenfalls. Allerdings war er hin- und hergerissen zwischen dem Verlangen sofort zu helfen und der Notwendigkeit des Bohrens dicker Bretter, namentlich der Veränderung tieferliegender Strukturen des Welthandels und der Agrarsubventionen. Ihm zufolge sei es jedoch aussichtsreicher, 10.000 Menschen vor Ort durch Projektarbeit zu helfen, als Lobbyarbeit zur Veränderung der europäischen Agrarpolitik zu betreiben. Man kann diese Meinung als wenig nachhaltig kritisieren, denn ein solches Vorgehen überwindet nicht die Ursachen von Armut und ist auf eine begrenzte Anzahl von Begünstigten beschränkt. Allerdings muss man auch erkennen, dass westliche NGOs oft auf Spenden angewiesen sind. Und diese Spenden lassen sich weitaus einfacher durch Projektarbeit und schöne Bilder von Aktivitäten vor Ort sammeln, als wenn man trockene Lobbyarbeit zur Veränderung von Handels- und Agrarpolitik betreibt.

Mangel an Nachhaltigkeit – bedingt durch Emotionalisierung von Entwicklungszusammenarbeit?

Laut Mariam Sow und Aziz Fall sind die neuen weltweit geltenden Entwicklungsziele nicht nachhaltig, da sie nicht an den Ursachen von Armut ansetzen. Um Armut dauerhaft und wirksam zu überwinden, bedürfe es Arbeitsplätze und höherer Einkommen, was wiederum durch die Weiterverarbeitung afrikanischer Produkte erreicht werden könne. Europäische Agrar-Subventionen und das vom Westen propagierte Freihandelssystem stünden einer solchen Verarbeitung jedoch im Wege. Während Mariam Sow den Norden um Unterstützung zur Überwindung dieser unfairen Systeme aufruft, schrecken einige westliche NGOs jedoch vor dieser Mammutaufgabe zurück. Anstatt die Ursachen von Armut zu bekämpfen, werden Projekte zur Milderung der Symptome durchgeführt. Dabei besteht das Problem, dass solche Projekte nie die breite Bevölkerungsmasse erreichen können. Gleichzeitig können westliche NGOs nur solche Projekte betreiben, für die sich Spendengelder finden lassen. Und Spenden lassen sich nunmal viel einfacher mit emotionalen Bildern vom Projektort aufbringen, als durch Bilder aus Verhandlungszimmern und Lobbys in Brüssel.

 

Einen neueren Artikel zur Bedeutung von Arbeitsplätzen für die Schaffung nachhaltiger Entwicklung findet ihr unter folgendem Link:

Nachhaltige Entwicklung in Afrika – nur durch die Schaffung von Jobs zu erreichen

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